Des Pudels Kern…zum Kern des Falles

Pudel im GlückEin Leben ohne Pudel ist möglich...aber sinnlos

Ich mach ja keine VT (1) , ich red nicht gern so viel…aber…manchmal höre ich Leuten zu…bis des Pudels Kern mich anspringt

Beispielbild, der Artikelinhalt
bezieht sich nicht
auf die abgebildeten
Pudel

 

Des Pudels Kern.. Problemanalyse mal anders

 

Kürzlich sprach mich eine Bestandskundin an. Ihre inzwischen ältere Hündin ging schon immer gern recht offensiv auf alles los was nicht bei drei aufm Baum war…vorzugsweise kleinere Artgenossen, aber auch bei Größeren war sie nicht gerade schüchtern.

Nun ist die Halterin wegen zweier kürzlich geschehener Beißvorfälle (ihre Hündin war nicht unbedingt “ Schuld“, anderer Hund war unangeleint) verstehbar besorgt, da sie meint, ihre Hündin würde mit ihrem eigenen Verhalten Vorfälle dieser Art geradezu herausfordern…auch wenn sie zumindest nicht offensiv zubeißt, pöbelt sie doch mächtig rum, und provoziert damit.

Nun ist die Hündin im letzten Jahr stark gealtert, inzwischen 12 Jahre, und die  Halterin fragt sich was sie “ gegen das Verhalten“ tun kann, da sich die Hündin bisher relativ hartnäckig weigerte, Frauchen wenn es brenzlig wurde, intervenieren zu lassen…in harmlosen Alltagssituationen klappt das wohl mit dem Hören. Nicht aber wenn wirklich „Not am Hund“ ist. Da der Halterin klar war, das das sehr unglücklich ausgehen könnte, sollte ihre Hündin mal an die “ Richtige“ geraten, suchte sie meinen Rat.

Konkret ging es um die Frage,wie sie die Hündin an anderen Hunden vorbeibringt auf Spaziergang, wenn klar wird, das ihre Hündin nicht gerade deren liebste Freundin trifft, ergo Kravall möglich ist.

Ich hab mir zuerst mal sehr genau die jeweiligen Situationen schildern lassen, und wie die Halterin bisher auf den Hund einwirkt.

Die Halterin hat lange Zeit mit der Hündin eine Hundeschule besucht, und diverse Trainings absolviert. In oben beschriebenen Situationen bestand die Halterin auf “ Herkommen“, “ Beifußgehen“, „sich anleinen lassen“ und zur Not auf “ bei Fuß sitzen“ …mit oben erwähntem eher fragwürdigem Erfolg. In harmlosen Situationen, oder auf dem Hundeplatz klappte das wohl einigermassen verläßlich, in Adrenalin-Situationen jedoch ziemlich verläßlich gar nicht.

Ich fragte nach Schilderung etwas verdattert, warum sie nicht ausweichen würde. Also, bei einer Hündin von der ich die Reizmomente und das Nervenkostüm kenne eben schon bei Erscheinen eines entgegenkommenden Hundes einen anderen Weg nehmen, nen Schlenker übern Acker machen, genügend Raum zwischen mich und den Anderen bringen, ect.

Mein starker Eindruck war, das Ausweichen überhaupt keine Option für sie war. Sie erwartete unbedingt von ihrer Hündin, das diese sich der Situation ruhig stellte…genauso wie die Hündin dieses unbedingt verweigerte. Auf mein Nachfragen äußerte sie recht vehement, nicht ausweichen zu wollen.😳

Sie gab an, aus Angst davor, was die anderen Leute denken, das die Leute ihr unterstellen, sie habe ihren Hund nicht im Griff

Im weiteren Verlauf des Gespräches versuchte ich die weniger oberflächlichen Gründe zu erruieren, warum die Halterin nicht ausweichen wollte. Denn mir erschien der Preis, den sie für „das Denken der Leute“ zahlte doch recht hoch.

Für mich selbst ist Ausweichen quasi in den letzten Jahren richtiggehend zur Religion mutiert…gar nicht mal wegen meiner Hunde, sondern schlichtweg, weil ich Spaziergänge gern menschenlos bewältige. Ich brauche diese Zeit zum “ tanken“ für mich, zum ruhigen Spühren mit dem Hund, es ist quasi Meditation und Urlaub in einem. Nun hatte ich die letzten Jahre Hunde, mit denen “ Aneinander-Vorbeikommen“ kein Problem war…die Fraktion “ die wollen doch bestimmt mal spielen“ ist jedoch weder so meins, noch das meine Hunde dem viel abgewinnen konnten. Die hatten alle ihre festen Freunde, und schlicht kein Interesse, ständig Neue kennen zu lernen, die man dann doch nie wieder sieht.

Und plötzlich purzelte aus der Halterin eine kleine Geschichte heraus…ihre Geschichte:

Sie erzählte von ihrer Kindheit im Nachkriegsdeutschland, in einem rauhen Arbeiterstadtteil einer Norddeutschen Stadt. Von Kinderbanden, Auseinandersetzungen auf der Strasse…und von ihrer Mutter. Von einer Mutter, die sie nach körperlichen Auseinandersetzungen mit anderen Kindern auf der Strasse wieder runter auf die Strasse scheuchte mit den Worten “ du darfst nicht wegrennen, wehr dich, setz dich durch, man darf dir keine Angst ansehen“, und von Strafandrohungen durch die Mutter, sollte sie sich nochmal hilfesuchend in die Wohnung flüchten.

Ach du Scheiße, dachte ich bloß. Mich überkam eine unendliche Traurigkeit. Was müssen unsere Hunde doch für uns mittragen, solange wir keinen bewußten Zugang zu unseren eigenen Verletzungen haben.

Wir haben im weiteren Verlauf des Gespräches behutsam versucht, zu schauen, was wäre, wenn das Dogma “ du darfst nicht Ausweichen ( dich in Sicherheit bringen, Schutz suchen)“ nicht mehr nötig wäre.

Ich habe ihr von Wölfen erzählt, wo der der das Rudel führt derjenige sein muß, der am verläßlichsten für die Sicherheit der Rudelmitglieder sorgen kann, und das es dort nicht um Statusdenken, oder um “ wie wirk ich nach aussen“, sondern schlichtweg und nur um körperliche Unversehrtheit zum Zwecke der Arterhaltung geht.

Klug handelt der, der Gefahr im Vorfeld ausschließt.

…und dann bleibt da noch die klitzekleine Kleinigkeit, das unser übliches aneinander Vorbeigehen für Hunde eh ne Aggressionshandlung oder mindestens unhöflich ist. Hunde begegnen sich nie frontal auf einer Linie, sondern gehenim schrägen Winkel aufeinander zu…wenn sie sich kennenlernen wollen…ansonsten weichen sie einander, unter Berücksichtigung der nötigen Individualdistanz, weitmöglichst aus. Was heißt, das wir unsere Hunde bei dem Aneinander-Vorbei-Kommen, beispielsweise auf Gehwegen schon von haus aus artwidrig überfordern. Nur das unsere Hunde meist gelernt haben, sich uns in solchen Situationen anzupassen, und das Geforderte “ irgendwie“ umzusetzen…der Preis den sie dafür zahlen ist ein erhöhtes Stresslevel und alle möglichen dadurch bedingte Krankheiten und “ Verhaltensauffälligkeiten, mit denen sie nicht weniger tun, als zu versuchen uns zu sagen :“ hey, Mensch, was du da tust ist katastrophaler Blödsinn, lass uns das mal bitte anders probieren“. Da ist Verweigerung von Seiten des Hundes schon schlau, weil gesund.

Und wir haben über unser menschliches Gepäck gesprochen, über unbewußte Glaubenssätze, die wir oft genug seit unserer Kindheit mit uns rumtragen, und die unser Handeln, so sie unbewußt bleiben, bis heute bestimmen. Die Chance auf Bewußtwerdung haben solche Inhalte oft gerade in existentiellen Situationen, in Situationen wo wir um unsere eigene oder um die Sicherheit unserer Liebsten fürchten. Dann kann die alte Angst neue Worte finden. Und ist somit wieder zugänglich und veränderbar.
Ich bin so oft in meiner Praxis solchen Momenten begegnet, gerade wenn es um “ Verhaltensthematiken“ geht…wo man nicht durch stundenlange Arbeit mit dem Hund Situationen „löst“, sondern wo in einem kleinen ruhigen Moment, mittels Zuhören und Erspühren sich plötzlich das Thema, des Pudels Kern, auftut. Es braucht dann keine Handlungsanweisungen mehr…wenn der Prozeß des Bewußt-Werdens angestoße ist, findet sich der Weg meist von allein.

Ich  bin gespannt, wie es mit der Hündin und ihrer Halterin weitergeht. Zumindest war am Ende unseres Gespräches die starre Grundhaltung “ es muß so und nicht anders“ nicht mehr spührbar, und die Halterin äußerte froh zu sein über nun erkennbare Handlungsalternativen die sie bisher einfach nicht in Erwägung ziehen konnte.

 

Update: 10.09.2017

Es klappt deutlich besser mit der Hündin.

In den ersten Wochen nach dem Gespräch begann die Halterin mit der Hündin bei Begegnungen deutlich auszuweichen und damit der Hündin den benötigten Raum zu geben (Individualdistanz ) . Zudem bemerkte die Halterin das sie mit dieser neu entdeckten Möglichkeit selbst viel entspannter blieb, wenn eine Hundebegegnung anstand. Durch diese Entspannung widerum konnte sie deutlich intuitiver und flexibler auf die jehweilige Situation reagieren.

Inzwischen ist durch das geänderte Verhalten von der Halterin bei der Hündin soviel Sicherheit etabliert, das sie auch in Situationen wo Ausweichen platzbedingt begrenzt oder nicht möglich ist viel gelassener reagiert und selbst eher von sich aus ausweicht ( als Minimum Beschwichtigungsgeste Kopf-Abwenden) als Begegnungen aggressiv zu innitieren.

Das geänderte Verhalten ist inzwischen genügend etabliert um stabil zu sein.


(1) Verhaltenstherapie

(2) Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ferienhaus Wangelin