Das neu-Erfinden des Rades oder von der schleichenden Errosion selbstverständlicher Tugenden

Der „gelbe Hund“ und das Aussterben der altmodischen Tugenden wie Höflichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme

Wir Menschen erfinden ja gern mal das Rad neu, immer und immer wieder. Unsere Hauptleistung jedoch liegt dabei im völligen Vergessenen das das revolutionär Neue ja…schon mal war. Wie man ein solches Tun benennt, darauf hat oder findet sicherlich die psychologische Zunft Antworten. Ich für meinen Teil finde es einfach nur doof und lästig, und beobachte mehr und mehr Hundehalter denen es ähnlich geht.

Vor einiger Zeit fiel mir ein Projekt auf, das sich „Gelber Hund“ nennt.

Zu Anfang fand ich das ganz nett und durchdacht, damals befand es sich noch in der Entstehungsphase und wurde vorsichtig beworben, doch schon bald machte sich bei mir ein unterschwelliges Bauchgrimmen bemerkbar. Ich versucht herauszufinden woher dieses kam, …und wurde fündig:

Zuerst habe ich in meiner Umgebung, also der internet-freien, realen Umgebung versucht, etwas vom „gelben Hund“ zu erblicken. Ich habe gezielt drauf geachtet, bei Spaziergängen mit meiner damaligen Hündin, ob mir gelbe Hunde begegnen, dann auch angefangen, Leute zu fragen, ob sie schon mal vom „gelben Hund“ gehört haben. Hier begegnete ich durchgehender Ahnungslosigkeit.
Im Internet, vorwiegend bei facebook wurde das gelbe-Hund-Projekt mittlerweilen diskutiert als ob es sich um eine schiere Selbstverständlichkeit handle. Also Leute erbosten sich, das ihre gelbe Markierung am Hund von anderen Hundehaltern mißachtet wurde, regten sich facebook-typisch tierisch auf, wie ignorant doch …all die anderen Hundehalter seinen….und ich fand weiterhin im realen leben, also im Hundewald oder am Strand, trotz nun vermehrtem Nachfragen meinerseits, nicht einen einzigen Menschen, der mich nicht staunend bis ungläubig ansah, wenn ich vom „gelben Hund“ erzählte.

Also…all die „anderen Hundehalter“…wußten nicht mal von dem, worauf sie gefälligst Rücksicht nehmen sollten.

Der „gelbe Hund“ wurde mittlerweilen im Internet mit jeder Menge Merchandise-Artikeln beworben, das ging von Schleifen, die an die Hundeleine zu knoten waren, über Dreieckshalstücher, bis zu Flyern und verschiedenes mehr. Das Ganze war also nicht nur eine „Idee“, geboren in einer begrenzten Community, sondern es nahm geschäftsmäßige Ausmaße an. Demzufolge ging man, in krasser Selbstüberschätzung auch davon aus, das klar JEDER Hundebesitzer davon gehört haben mußte…ergo, wenn er beim Anblick der Farbe gelb an einem entgegenkommenden Fifi nicht promt wie erwartet reagierte, ging man von Unwillen oder schlimmerem aus.

Nun…ich glaube, seit es Internet gibt, gibt es gewisse Phänomene, die es nie geschafft haben, wesentlich über das Internet hinaus an Bedeutung zu gewinnen. Bei dem „gelber-Hund“-Phänomen bin ich mir auch nicht sicher ob das unbedingt notwendig ist…denn…

Das gibt es längst, und zwar seit Jahrzehnten. ( ich sprech jetzt über den Zeitraum, den ich selbst in Sachen eigener Hundehaltung überblicken kann)

Das für alle anderen Hundehalter verständlichste Zeichen, das man keinen Kontakt mit anderen Hunden wünschte war bislang immer der angeleinte Hund. Kam einem ein Hund an der Leine entgegen, leinte man selber an, und sprach sich gestikulerend oder mit Blicken ab, wer wo längs geht, beziehungsweise wie man an einander vorbeikomme ohne „Tuchfühlung.

Ergo…der „gelbe Hund“ erfindet derzeit das Rad neu.

Früher hießt das schlicht gegenseitige Rücksichtnahme
Und klar…ein paar Arschlöcher gabs immer, die dieses Signal des an der leine geführten Hundes mißachteten, und ihren Hund planlos mitten rein latschen ließen in den angeleinten Artgenossen…die wirds auch immer geben, egal ob man den Hund schlicht an der Leine führt, oder gelb, grün, lila oder sonstwie markiert. Diese Zeitgenossen wirds wohl auch immer geben. Am besten macht mans bei denen wie in der Hundeerziehung ( sollte man als Hunde-halter schon mal was von gehört haben) …positives Verhalten verstärkt man mittels Lob ( bei Menschen reicht ein freundliches Danke, das Kopftätscheln darf man sich sparen) und negatives Verhalten ignoriert man wenn irgend möglich….wenn nicht möglich, darf man klar auch pöbeln, fluchen, aufklären…über…schlicht…Umgangsformen.

Was mich nun an dem gelben Hund so nervt…also mich persönlich, reine subjektive Meinung, ist, das hier etwas ehemals völlig selbstverständliches, eben das höflich-achtsame Miteinander beziehungsweise die schleichende Errosion selbigens, vollkommen ignoriert und nicht-thematisiert wird, und man stattdessen behauptet, etwas „vollkommen neues“ erfunden zu haben. Die Fokussierung auf dem „vollkommen neuen“ bestätigt und verfestigt meiner Meinung nach die Errosion der ehemals funktionierenden, ungeschriebenen Kommunikationsregeln, so nach der Art „ist ja keine gelbe Schleife dran, an dem angeleinten Hund, ergo kann meiner ja spielen“.

Durch die wachsende Zahl an Hunden im urbanen Bereich, und das sich verändernde Klientel der Hundehalter, wo wir immer mehr Menschen finden die null Vorerfahrung in der Hundehaltung haben, und z.b. über mitleidheischende Aufmerksamkeitsstrategien etlicher Auslandstierschutz-Vereine „auf den Hund kamen“ werden anscheinend die ungeschriebenen Regeln unter „Hundlern“ nicht mehr weitergegeben…oder…was schlimmer wäre, das neue Klintel wird vorwiegend aus dem pool der Menschen rekrutiert, denen Rücksichtnahme auf Tiere wesentlich wichtiger ist als die auf die eigenen Artgenossen, den Menschen. Das zeigt sich immer mehr gerade in dem Medium, wo auch der „gelbe Hund“ erfunden wurde: Menschen, die sich laut ihres facebook-Profils den lieben langen Tag mit nichts anderem beschäftigen als mit multinationalem Tierleid…die aber, z.b. in einer Diskussion in einer facebook-Gruppe es nicht schaffen, den Standpunkt anderer respektvoll stehen zu lassen, ohne sich aufs übelste angrifftig und verbal gewalttätig gegen ihre eigenen Artgenossen, sprich ihre Mitmenschen zu gebärden.

Ich beobachte derzeit zwar noch nicht das der „gelbe Hund“ den Sprung von einem reinen Internet-Phänomen in den Alltag der meisten Hundehalter geschafft hat, was ich aber sehr wohl beobachte ist, das sich diese Mentalität, den eigenen Hund zur vermeintlichen Bespassung anderen Hundehaltern ungefragt und selbstverständlichst und zudem entgegen deren ausdrücklichsten Wunsch zuzumuten, immer mehr wird.
Da wird, koste was wolle dem Hund Freilauf gewährt, selbst in unübersichtlichstem Gebiet, um bei der schönsten Beisserei die daraus resultieren kann aus allen rosa Wolken zu fallen, mehr noch, dem angeleinten Hund bzw dessen Halter die Schuld für die Eskalation zu geben.

Am Wochenende hatte ich eine Begegnung über die ich mich immens freute: ich ging mit einer Freundin, deren und und Ursel in einem Wald hier in der Nähe spazieren. An einer kleinen Brücke, die über einen Bachlauf führte kam uns ein Pärchen mit Cockerspaniel entgegen. Wir blieben etwa zeitgleich jeweils an unserem Ende der schmalen Brücke stehen, und fragten, fast wie aus einem Munde „wer zuerst?“

Geht doch 😉 …ging ja auch immer 🙂 , ganz „unfarbig“