Leben mit Hund

Steps...pfotenabdrücke

 

Ich sitz hier am Schreibtisch, und versuch einen geplanten Beitrag über Geriatrie und Sterbebegleitung beim Haustier zu Papier zu bringen. Hab mich bei dem Thema festgeklemmt. Schreibblockade oder wie man das schimpft 😉

Also hänge ich meinen Gedanken nach…und bemerke böses. Mein Lieblingsthema drängt mit Macht an die Oberfläche, will “beschrieben werden”: ( soviel zum disziplinierten abarbeiten eines Themenplanes :), oben genannter Beitrag folgt bald. )

wie ?…

…leben wir eigentlich mit Hunden ?

Steps...pfotenabdrücke
Steps

Das der Hund ein Tier mit Gemeinschaftssinn ist , das haben wir soweit begriffen. Rudelzusammenhänge oder die Bereitschaft zur Bindung an den Domestizierer Mensch sind wissenschaftliche Erklärungen dafür. Er lebt gern beim Menschen, und möglichst dicht bei und mit uns , das ist unstrittig. Das er dazu fähig ist, diese Bindung zu uns einzugehen, auch.

Andersrum frag ich mich immer mehr, ob wir ( noch) fähig sind, diese Bindung zu ihm ebenfalls einzugehen.

In den letzten Jahren sprießen Angebote beratender Art zu Hundeerziehung, Hundeernährung, “Arbeit” mit dem Hund wie Pilze im Herbst aus dem Boden.

Die Medien sind voll von Rütter im Nachmittagsprogramm, Cäsar Milan auf you Tube, allerorts kommentieren Tiercoaches jeglicher Couleur jede Regung dieser Meister der Selbstvermarktung.

Barfen ist nicht mehr anrüchig, wie unsere frühere Rohfütterung. Längst salonfähig geworden, mit den mundgerecht portionierbaren Menüs für Jedermann lassen sich durch appetitliche, kaufanimierende Verpackung selbst Bedenken ansonsten eher zimperlicher Zeitgenossen umschiffen.

Doch was sagt uns dieses immense Angebot “für den Hund”?…in erster Linie, das eine ebenso immense Nachfrage danach besteht.

Nun fing ich , etwas irritiert ob dieser Angebotsschwemme an, darüber nachzudenken worin diese Nachfrage genau besteht, und mich dezent in meinem Kunden-und Freundeskreis umzuhören. Was mir auffiel war etwas, was mich zutiefst betroffen macht:

Unsere Beziehungen zeigen immer mehr, wie wenig wir uns selber wahrnehmen und fühlen. Stattdessen müssen wir uns in direkter Folge regelmäßig Beweise für unsere eigene Wirksamkeit und Existenz liefern. Da wo man sich Selbstbestätigung nicht mehr über Arbeit und soziale Aktivitäten holen kann wird dann die Fellnase leicht dazu hergenommen, uns mittels Bestnoten in Turniersportarten wie agillity und co die nötige Anerkennung zu bescheren.

Dagegen ist ja auch solang nichts einzuwenden, wie der Hund daran Freude hat, und unser Miteinander dadurch gestärkt wird. Aber wo ist die Grenze des “zu viel”, wo treibt nicht mehr der Spaß an gemeinsamem Tun, sondern krampfhafter Ehrgeiz zulasten des Hundes uns an?

  •  Da ist der Hund, der drei mal die Woche auf dem Platz den Parcour in unterschiedlichen Varianten     durchläuft. Zur Freude von Frauchen hat er heute ” alles fein gemacht” hat, vorgestern “war er mal   wieder nicht zu gebrauchen “…
    Für wen tut Er dies? Und wie tief läßt die letztere Formulierung blicken, bzw welche Fragen wirft sie auf?
  •  Da ist der Hund, der mittels Leckerli motiviert diversteste Kunststücke zu Musik vollbringt…er “will beschäftigt werden”…
    Die Frage ” wer will da beschäftigt werden” drängt sich mir auf.
  •  Da ist der Hund, der mittels ausgefeiltester Diätpläne dem Frauchen ein halbes Studium in Ernährungslehre abverlangt, wessen Inhalt selbige dann selbstredend völlig altruistisch allen Beteiligten der Gassigehrunde zugute kommen läßt.

Kommt dieser immense Aufwand dem Hund zugute? Oder stülpen wir, wie sooft auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Hund eine Rolle über, innerhalb derer er zum Objekt gemacht wird?

Was ich in den letzten Jahren immer mehr vermisse…und ich meine früher gab es die noch mehr, das sind Leute, die eine selbstverständliche Beziehung mit ihrem Hund leben, die nicht ein ganzes Regal voller Ratgeberliteratur benötigen, um sich dem Alltag mit einem Vierbeiner gewachsen zu fühlen.

Was ich nicht begreife ist, woran es liegt, das sich trotz einem Mehr an verfügbarem know how über Tiere, ihre Arteigenheiten und Bedürfnisse anscheinend ein immens wachsendes Mehr an Verunsicherung und hektischer Aktivitäten einstellt.

Aber auch die Ansprüche und Erwartungen, die wir an unsere Haustiere, vor allem Hunde haben, scheinen immens zu wachsen…ob da der gewöhnliche canis lupus familiaris noch hinterherkommt?

Die Rolle die  Hunde heute in unserer Gesellschaft übernehmen müssen hat sich massiv gewandelt:

Ursprünglich war sein Deal mit uns Zweibeinern ja recht überschaubar: Schutz und Nahrung gegen Jagd-, Wachdienst- und Hütehilfe. Von Seelentröster, Alleinunterhalter, Psychotherapeut, Leistungssportler, perfekt angepaßtem, in jeder Lebenslage souverän-entspanntem Präsentationsobjekt stand da nix im Vertrag.

Wenn wir nun ein Mehr an Ansprüchen an ihn stellen, ohne ein wirkliches Mehr an Gegenleistungen anzubieten, mag das für den Moment funktionieren, da Hunde erstmal sehr abhängig von uns und unserer Gunst sind. Fragen darf man sich aber, ob nicht das Mehr an ” modernen Erkrankungen” bei Hunden, wie z.b. Verhaltensauffälligkeiten, Krebs, Allergien, Stoffwechselstörungen und endokrinologischen Erkrankungen schon der Preis dafür ist, das wir den Hund ungefragt in unseren rasanten, modernen Lebensrythmus zwingen.

Denn eigentlich sind sie von Natur aus recht anspruchslos, unsere Hunde: Neben ausreichend Nahrung  reicht ihnen schon genügend Ruhe, wozu auch unsere eigene innere Ausgeglichenheit als Hundelebenspartner zählt und viel gemeinsame Zeit ( dabeisein ist alles) um ein glückliches Hundeleben zu führen.

Ein  gutes Beispiel dafür war ein facebook-post, den ich vor kurzem las: da schrieb eine userin in einer Hundegruppe, das sie unsicher sei, ob sie ihrem Hund genügend Aktivitäten anbiete…

Der einzige, der ihr diese Frage exakt und ausschließlich beantworten kann, ist:  Ihr Hund!


 

Wer am Thema weiterlesen möchte dem sei Ralf Rückerts Artikel Artikel vom 11.02.2015 zu dem Thema empfohlen, welcher mich ermutigte, meine meist stillen Gedanken dazu inzwischen nochmal deutlicher zu kommunizieren. Manchmal nicht ganz einfach, und oft erst vermittelbar, nachdem deutliche und im Zusammenhang unbestreitbare Folgen dieses gut gemeinten Ehrgeizes am eignen Tier Menschen für das Thema sensibilisieren.