Wenn die Geister kommen…

Hundefrisbee, gut geeignet für Hunde mit hoher EnergieHundefrisbee, hier mit einem zufriedenen Hund

 

Jeder Hundehalter kennt das, diese Momente, wo man als Halter rot sieht. Diesen Punkt, an dem einen ein bestimmtes Verhalten des eigenen Hundes oder bestimmte Situationen mit dem Hund an die eigene Grenze bringt.

Jeder von uns reagiert da unterschiedlich, jede Grenze ist individuell, oft aus der eigene Geschichte heraus erst verständlich. Oft genug aber bleibt es uns auch gänzlich verborgen, warum ausgerechnet dann uns immer die Nerven verlassen wenn wir sie am dringendsten meinen zu brauchen.

Die eine Halterin erstarrt zur Salzsäule wenn ihr Hund an der Leine pöbelt, einer anderen schießen blitzartig die Tränen in die Augen, wenn der Hund ihr Hund nach dem dritten Abruf immer noch in der entgegengesetzten Richtung orientiert bleibt, wiederum ein anderer Halter wird kalt und gänzlich emotionslos, wenn er es eilig hat, und der Hund nicht ganz so schnell reagiert wie gewünscht.

All diese unsere menschlichen Reaktionen übertragen sich direkt auf den Hund, er kann sie unmittelbar lesen und verarbeiten.
Unsere emotionale Befindlichkeit teilt sich ihm über unseren unbewußten, körpersprachlichen Ausdruck, wie auch über unseren sich mit dieser Stressreaktion verändernden Eigengeruch sofort mit. Die Ausschüttung von Hormonen und Botenstoffen wie Adrenalin und bestimmter Endorphine, die im Rahmen von Stressreaktionen uns physiologisch gegenüber dem Stressor wappnen soll wirkt sich auf Blutdruck, Schweißzusammensetzung, Haut und Muskelspannung wie auf viele weitere Parameter aus.

Dies ist die Basis wie Hunde auch untereinander kommunizieren, ohne dafür Kommandos und Worte zu benötigen…sie brauchen dazu noch nicht mal konkret eingesetzte, bewußt gesteuerte Körpersprache.
Diese kleinsten, uns Menschen verborgenen Veränderungen bekommen Hunde so deutlich mit, wie wenn der Arzt unsere Laborwerte auswertet und daraus bestehende gesundheitliche Störungen ableitet….( sorry, dieser Vergleich hinkt, Hunde bekommen es deutlicher mit als der Arzt, da Hunde uns unmittelbar lesen, dagegen der Arzt immer etwas hinterher-hinkt, da ihm die Ergebnisse der Laboruntersuchung meist erst Stunden bis Tage nach der Blutabnahme zur Verfügung stehen)

Das, was unsere Hund da da manchmal bei uns lesen führt beim Hund meist dazu das er diesen, unseren Stress selbst übernimmt, und sich dadurch das für uns problematische Verhalten des Hundes, was unsere Stressreaktion auslöste, nochmal steigert.

Hieraus ergibt sich logisch, das solche Reaktions-Kreisläufe zwischen Hund und Halter seltenst mittels Training aufgefangen werden können, solange dem Trainer der zugrundeliegende Stress des Halters in der entsprechenden Situation nicht klar ist.
Die klassische Situation die aus solchem Training „am Hund“ erfolgt will ich einmal anhand zweier Fälle darstellen, wie ich es ähnlich auch schon in  Des Pudels Kern getan habe:

Frau F und ihr älterer Merammano-Rüde

Frau F ist manchmal etwas zerstreut und hat allgemein ein schwieriges Leben.
Dementsprechend ist ihr Zeitmanagement teilweise etwas „ungünstig“.
Aber sie ist grundsätzlich herzensgut, sehr entspannt und bejahend im Verhältnis zu ihrem durchaus schwierigen Hund…wenn da nicht diese gewissen Momente wären. Momente, unter denen Frau F immens leidet, deren erzählen auch schambesetzt ist, da Frau F die Diskrepanz zwischen ihren eigenen Ansprüchen an ihr Handeln, und eben diesen „Momenten“ kaum selbst erträgt.

Wenn Frau F zu spät zu einem Termin aufbricht blockiert ihr Hund sie vollständig. Der eh schon „bummelige“, grundentspannte Hund wird dann nochmal langsamer, ist nicht von der Stelle zu bekommen und braucht für den kurzen Weg zum 200 Meter entfernt parkenden Auto länger als eine Stunde. ( man kann sich gar nicht vorstellen was es auf einem solch kurzen Weg viel interessantes für einen Hund zu studieren gibt…man bedenke, jeder Grashalm ist eine eigene Zeitung, und die will selbstredend vollständig gelesen werden 😉 …)
Ähnliches erlebt Frau F wenn sie nach immensem Stress auf der Arbeit just um sich selbst wieder in einen erträglichen Entspannungsbereich zu bekommen mit dem Hund abends noch einen flotten Spaziergang machen will.. ausgerechnet dann bekommt sie den Hund nicht von der Stelle. Bei ihrem Hund geht das teilweise soweit, das er sich ablegt und nicht mal mehr auf die Füße zu motivieren ist…was den Stresspegel bei Frau F prommt erhöht, da ihr der Weg zur eigenen Entspannung, hier durch körperlich anstrengendes schnelles Gehen versperrt ist.

Der Hund nimmt nun, in beiden geschilderten Situationen deutlich wahr, das Frau F angespannt und hektisch ist. Und er „weiß“ instinktiv das man diesem Zustand am besten mit Entschleunigung löst. Zudem ist ihm sein Frauchen in diesem Zustand schwer erträglich, sie fühlt sich dann für ihn nicht mehr verläßlich an, also „übernimmt“ er mal für einen Moment die Vorbildfunktion in der Beziehung, und gleichzeitig schafft er es durch das „streiken“sich selbst etwas zu schützen vor der gestressten Ausstrahlung von Frau F.

Da der Hund ein soziales Wesen ist, im Fall von Frau Fs Hund es sich auch um einen durchaus charakterstarken, sozial hochkompetenten Hund handelt und er eine starke Bindung zu Frau F hat, kommt noch ein weiteres Moment hinzu: Er versucht auch Frau Fs Stimmung durch sein Streiken zu deeskalieren, sprich er versucht sie von ihrem hohen Erregungsniveau runter zu bremsen, ihr quasi wieder in den normalen grünen Bereich zu verhelfen.

Zudem kann der Hund klar Frau Fs Terminkalender nicht lesen; der Grund warum Frau F plötzlich so komisch ist bleibt ihm also verborgen, er lebt im Gegensatz zu Frau F einzig im Jetzt.
Und so er satt ist und nicht gerade dringende Geschäfte erledigen muß gibt es absolut nichts für ihn was ihn zur Eile antreiben würde. Eile prinzipiell ist nicht gerade energie- und ressourcenschonend, und wird von Caniden einzig aufgewendet wenn ein drängender bio-logischer Anlass ( Hunger ect) besteht.

Der Hund also bekommt Frau Fs Stress durch ihre veränderte Stimmlage, hektische Körperbewegungen, Blutdruckveränderung und ihren veränderten, stressbedingten Geruch mit, kann aber absolut keinen für ihn begreiflichen Anlass dafür ausmachen… ergo geht er davon aus das Frauchen gerade „spinnt“.

Frau F kommt, je mehr der Hund streikt in einen immer autoritäreren Modus. Sie beginnt, entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten, und auch entgegen ihres eigentlichen Wesens den Hund herumzukommandieren und anzupöbeln.

Beim Hund entsteht klar der Eindruck „Frauchen spinnt noch mehr“ … ergo macht er „mehr von dem“ was ihm selbst Entspannung gibt und ihn vor der ihm unangenehmen Ausstrahlung von Frau F schützt.

Frau F hatte eine sehr unentspannte, zwanghafte Mutter, und ihre Kindheit war geprägt vom „Funktionieren müssen“ für die Bedürfnisse ihrer Mutter. Sie selbst kennt also Entspannung nur über vorheriges „Funktionieren“. Wenn sie genügend gut funktionierte machte sie die Erfahrung das ihre Mutter dann anschließend mit den ihr als Kind unverständlichen an sie gerichteten Anforderungen aufhörte und von ihr abließ, ergo das Kind Frau F sich wieder entspannen konnte.

Genau diese gespeicherte, unbewußte Erinnerung wird reaktiviert, wenn Frau F sich in einer für sie drängenden Lage dem streikenden, „nicht funktionierenden“ Hund gegenüber sieht. Und exakt an dem Punkt rutscht Frau F, sich der Situation vollkommen ausgeliefert fühlend, regelmäßig in ihren persönlichen roten Bereich, da ihr ihre persönlichen Lösungsmechanismen, wie der zügige Spaziergang, verbaut sind.

Frau F berichtet, das sie etliche Tricks ersonnen hat, um mit solchen Situationen umzugehen, das diese aber alle eher fragil funktionieren. Und das sie zwar selten, aber durchaus vorkommend, wenn sie nichts findet was die Eskalation aufhält, in einen Zustand kommt, indem sie puren Hass gegen ihren geliebten Hund empfindet.
Da er ja scheinbar derjenige ist, der zwischen Frau Fs Bedürfnis nach Entspannung ( auch abgebildet im Wunsch noch rechtzeitig zum Termin zu kommen, ergo sich nicht durch zu spät kommen Ärger einzuhandeln) und der aktuell vorliegenden Situation steht wird er von Frau F unbewußt als Verursacher ihrer Emotionen wie auch der Gesamtsituation gesehen.
Der Hund wiederum spürt Frau Fs momentan ganz deutlich feindliche Stimmung, feindlich auch durchaus gegen ihn persönlich, er spürt eine für ihn bedrohliche Stimmung, und ist nun endgültig mit seinem Latein am Ende, verwirrt, verzweifelt und „funktioniert“ nun endgültig gar nicht mehr.

Nun ist Frau F durchaus eine gebildete, aufgeklärte, sich selbst wie auch ihrem eigenen Handeln gegenüber kritischen und hinterfragende Person. Als solche hat sie in verschiedenen Kursen Dinge gelernt, die sie anwenden soll, wenn der Hund nicht will. Also beißt sie die Zähne zusammen und versucht mittels aller möglichen Tricks, vermeintlich positiver Bestärkung und Ähnlichem die Situation „technisch“ zu lösen. Sie hat viel gelesen über Motivation und Lerntheorie beim Hund, was sie im Alltag meist auch wunderbar anwenden kann. Grundsätzlich haben die beiden ein entspanntes Verhältnis was auf Anerkennung gegenseitiger Bedürfnisse und der eigenständigen Persönlichkeit des Hundes beruht. Nur an diesem Punkt eben…da scheint das alles wie gelöscht.

Da Frau F sich dieser emotionalen Eskalationen schämt, und eine hohe Selbstkontrolle hat, unterdrückt sie den emotionalen Ausdruck weitestgehend und greift hilflos auf erlernte Techniken zur Regulation am Hund zurück. Da dieser aber ihre unterdrückte emotionale Lage weiterhin als höchst präsent wahrnimmt, beantwortet er weiter die von ihr ausgesendete emotionale Botschaft. Diese „klingt“ für ihn deutlich „lauter“ als Technik und sprachliche Gehorsamsaufforderungen.

Ohne das Wissen darum, wie Frau F in diese Zustände rutscht, wie auch eine gewisse Sensibilität für ihre Scham diese Momente betreffend wird sie kein Trainer beraten können, was sie gegen die angeblich grundlos vom Himmel fallenden „Streiks“ ihres Hundes tun kann.
Denn nicht der Hund erzeugt die Situation, sondern Frau F selbst. Das Verhalten des Hundes ist als Lösungsversuch eben jener von Frau F erzeugten Situation zu sehen.

Herr H und seine Schäfer-Mischlings-Hündin

Auch dem Leinenpöbler von Herrn H, der auf dem Hundeplatz gelernt hat wie er den Hund neben sich bringen kann in Situationen in denen der Hund überfordert ist, was auf dem Platz prima klappt, ist nicht zu helfen, wenn der Trainer kein grundlegendes Verständnis entwickelt von der Situation des Herrn H wenn der Hund ausserhalb des Platzes „nach vorne geht“ und Herr H unter massivem persönlichem Stress steht.
Herr H kann in solchen Situationen das Erlernte nicht mehr anwenden, da er gravierende eigene Ängste vor öffentlichem Versagen und Bloßstellung seiner von ihm selbst befürchteten Inkompetenz hat. Sein Hund nimmt seine Ängste wahr, diese multiplizieren sich mit der vorhandenen sozialen Unsicherheit des Hundes…der wiederum mehr pöbelt…was wiederum Herrn H um so mehr von seiner angeblichen eigenen Unfähigkeit dieses „abzustellen“ überzeugt.
Auf dem Hundeplatz kann Herr H diese Befürchtungen gut zurückstellen, da der Trainer auch im Gruppentraining im Sinne der positiven Verstärkung auch bei den menschlichen Trainingsteilnehmern Wert auf wertschätzende konstruktive Kritik bei gleichzeitiger Vermeidung von Bloßstellung von Schwächen legt, und Herr H sich in dieser Atmosphäre selbst durch den Trainer geschützt und unterstützt und somit sicher fühlt.

Diesen beiden beschriebenen Situationen ist nur mit einem gezielten Einzeltraining zu begegnen durch einen Trainer, dem auch menschliche psychologische Grundlagen nicht fremd sind, und der gewillt ist, vorrangig mit dem Menschen zu arbeiten als Schlüssel zum Verhalten des Hundes, wobei hier gleichzeitig das Verhalten des Hundes Wegweiser zur grundlegenden Interaktion und Miß-Verständnissen in jedem einzelnen Hund-Mensch- Team ist.

Wollen wir nicht nur „unerwünschtes Verhalten“ mal eben quasi auf Knopfdruck abstellen (…was nebenbei gesagt seltenst gut gelingt), sondern im Sinne einer gelingenden Beziehung mit Mensch und Hund arbeiten müssen wir uns bis dorthin durchgraben wo das jeweilige störende Verhalten seinen Ursprung hat, und von woher es meist auch weiterhin Nahrung erhält solang es besteht.